Für Netflix und Amazon ist die heile Streaming-Welt zu Ende

Bisher teilten sich die beiden Video-Dienste den Markt untereinander auf. Nun kommen neue Konkurrenten hinzu, die das Geschäft nachhaltig verändern könnten

Als Jerry und sein Freund George in der Serie „Seinfeld“ selbst eine Fernsehserie konzipieren und diese an den Fernsehsender NBC verkaufen wollen, bekommen sie dafür nur ein paar Tausend Dollar. Das kuriose an dieser Serienhandlung ist, dass die von Jerry und George geplante Serie exakt den Plot der echten Serie „Seinfeld“ hat. Und diese wiederum ist in der echten Welt nicht nur ein paar Tausend Dollar wert; erst im September war bekannt geworden, dass der Streamingdienst Netflix sich die Rechte an „Seinfeld“ gesichert hat – für rund 500 Millionen Dollar.

Es ist nicht der einzige Transfer in der Streaming-Branche, der jüngst für Aufsehen gesorgt hat. Im Oktober war bekannt geworden, dass Amazon Prime Netflix die Kult-Serie „Friends“ abgeluchst hat; ein Quotengarant, auch 25 Jahre nach der Erstausstrahlung. Es ist kein Zufall, dass sich gerade viel tut bei den Serienrechten. Denn bisher haben Netflix und Amazon den Streaming-Markt größtenteils unter sich aufgeteilt. Doch in den kommenden Monaten starten einige ernstzunehmende Konkurrenten. Mit AppleTV+ ging der erste davon bereits gestern auf Sendung; in den USA folgt Disney+ am 12. November. Ab 2020 soll das Angebot auch in Deutschland verfügbar sein.

Aktuell sieht der Streaming-Markt in Deutschland so aus: Bei den Abos kommt Prime Video auf einen Marktanteil von 46,9 Prozent, Netflix erreicht 35,7 Prozent, wie die Beratungsfirma Goldmedia jüngst veröffentlichte. Täglich nutzen demnach allerdings mehr Menschen Netflix. Fast 60 Prozent schauen dort jeden Tag Serien oder Filme, wogegen Prime Video auf nur 36 Prozent kommt. Weit abgeschlagen kommen die Dienste Sky Ticket und Joyn (ehemals Maxdome) mit jeweils einstelligen Prozentzahlen.

AppleTV+ setzt auf teure, große Namen

Weltweit hat Netflix gut 158 Millionen zahlende Kunden. Wie angespannt der Markt ist, zeigte jedoch die Reaktion auf die Halbjahreszahlen des Konzerns im Sommer. Weil der Abo-Zuwachs mit 2,7 Millionen schwächer war als erwartet, brach die Aktie um elf Prozent ein – und konnte sich seitdem trotz kräftiger Gewinne und weiterhin steigenden Abo-Zahlen nicht mehr erholen. Auch hierfür dürften die Wettbewerber, die mit Kampfpreisen in den Markt drängen eine Ursache sein.

AppleTV+ setzt im Unterschied zu Netflix und Amazon ausschließlich auf Eigenproduktionen. Zwar ist das Angebot zum Start deshalb mit nur acht Serien und Filmen sowie einer Dokumentation überschaubar. Dafür setzt der iPhone-Konzern auf Qualität; insgesamt sollen diese neun Produktionen sechs Milliarden Dollar gekostet haben. Zum Vergleich: Netflix gibt pro Jahr für all seine Eigenproduktionen zwölf Milliarden Dollar aus. Zudem hat Apple große Namen verpflichtet. Die Hollywood-Stars Reese Witherspoon und Jennifer Aniston gehören zum Cast der Serie „The Morning Show“; außerdem dreht Regisseur Steven Spielberg eine Fantasy-Serie exklusiv für AppleTV+ und Oprah Winfrey hat ein eigenes Format bekommen, in dem sie neue Bücher bespricht.

Dass Apple damit rasch Geld verdienen wird, ist nicht zu erwarten. Doch durch seine Marktmacht im Hardware-Bereich will der Konzern schnell auch auf dem Streaming-Markt eine relevante Größe erreichen. Apple will allen Kunden, die sich ein Apple-Produkt kaufen, ein Jahr lang AppleTV+ kostenlos anbieten. Bei 245 Millionen verkauften Produkten pro Jahr dürfte das für eine schnelle Kunden-Akquise sorgen.

Disney+ weiß eine 96-jährige Geschichte hinter sich

Disney wiederum stützt sich bei seinem neuen Angebot zunächst auf die eigene Erfahrung als weltgrößter Entertainment-Konzern. Denn in der 96-jährigen Geschichte hat das Disney-Universum zahlreiche Kult-Filme hervorgebracht, die der Konzern nun zum Streamen anbieten will oder deren Welt um neue Pre- und Sequel-Serien erweitert werden kann.

So sind bereits Serien aus der Star-Wars-Welt, aus dem Marvel-Universum oder rund ums High-School-Musical angekündigt. Angesichts der Kinoerfolge der Avengers dürfte dieses Angebot tatsächlich eine Gefahr für Netflix und Amazon darstellen. Zudem hat sich Disney auch die Rechte an den Inhalten des US-Fernsehsenders Fox gesichert.

Doch mit Apple und Disney ist es nicht getan. Auch der US-Fernsehsender HBO wird 2020 einen eigenen Streaming-Dienst namens HBO-Max starten und hier Serien wie „Sex and the City“ oder „Game of Thrones“ anbieten. Und was „Marvel“ für Disney ist, ist „DC“ für HBO. Die ersten Spin-Offs des Comic-Universums (Batman, Superman, Wonderwoman) sind schon angekündigt.

Und noch ein Streaming-Dienst kommt 2020 auf den Markt, von dem bisher wohl nur die wenigsten gehört haben: Quibi mag zwar noch keine bekannte Marke sein; hinter dem Projekt stehen in Gestalt von Meg Whitman, Ex-Chefin von Ebay und HP, und Jeffrey Katzenberg, Gründer und Chef von Dreamworks Animation und ehemalige Chairman der Walt-Disney-Studios, erfahrene Manager. Sie haben sich vorgenommen, einen Streaming-Dienst zu konzipieren, der speziell fürs Smartphone ausgerichtet ist. Auch hier sind bereits Verträge mit Stars wie Christoph Walz oder auch dem Nachrichtensender BBC unterzeichnet. Dem Kunden bleibt bei all dem nur eines: die Qual der Wahl.

 

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